Hier schreibt der Falsche. Denn seit Mitte 2011 bin ich für die Finanzkrise nicht mehr so richtig zuständig. Ich bin von Hause aus Ökonom. Und wir Ökonomen sind im Grunde genommen aus dem Spiel. Wir sind Fachleute für das Rechenbare. Inzwischen indes ist die Lage in Europa unberechenbar. Jetzt müssten die Experten für das große Ganze den Gang der Ereignisse deuten und die Zukunft weissagen. Philosophen und Psychologen, Theologen und Astrologen. Es geht längst nicht mehr hauptsächlich um Finanzielles, es geht um Existenzielles.
Wir erinnern uns an die Finanzkrise 2008. Sie war gekennzeichnet von Furcht - vor der Insolvenz einzelner Banken und einem dadurch ausgelösten Kollaps des Finanzsystems. Im Jahr 2011 wurde die Furcht zur Angst - vor dem Bankrott ganzer Staaten. 2012 wird die Angst in Panik umschlagen - wenn die vom Führungsduo Angela Merkel und Nicolas Sarkozy angerührte Medizin beim Patienten Europa nicht anschlägt. Und in der Folge das Finanzsystem zusammen- und Europa auseinanderbricht. Dem Alten Kontinent drohte dann ein Schicksal wie dem Schwarzen Kontinent: Sein Erscheinungsbild würde alsbald geprägt von Währungskriegen und einem zerfallenden Binnenmarkt, Einbrüchen beim Wohlstand und womöglich einen Rückfall in die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts mit Diktaturen und failing states.
Kurzum, die Krise heute ist mit der von 2008 nicht zu vergleichen. Damals waren überall die Regierungen wie die Feuerwehr blitzschnell zur Stelle, als die Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers das Finanzsystem zum Erbeben brachte und sich vor der britischen Bank Northern Rock lange Menschenschlangen bildeten. Der Einsatz von Hunderten Milliarden Staatsgelder und -garantien halfen, die Brandherde einzudämmen, Banken zu rekapitalisieren und der Realwirtschaft nach einem nie da gewesenen Einbruch alles in allem recht rasch auf die Beine zu helfen. Im Rückblick war die Bewältigung der Gefahrensituation 2008 ein Kinderspiel gemessen an der Gemengelage heute. Die akute Frage lautet: Wer rettet die Retter?
Die Vorgänge in Europa haben in den letzten Monaten die Hemisphäre des Ökonomischen verlassen. Die klassische Methode der westlichen Demokratien, gerade auch der europäischen Staaten, Probleme im eigenen Land, aber auch im Umgang miteinander mit viel, notfalls auch gepumpten Geld zu lösen – dieses Verfahren funktioniert nicht mehr geschmiert wie ehedem. Die so aufgetürmten Schuldenberge haben nunmehr eine kritische Masse erreicht, dass Anleger immer häufiger bezweifeln, ihr in Staatsanleihen investiertes Geld zurückzubekommen. Zumal die hohen Schulden ein Niveau überschritten haben oder zu übersteigen drohen, die das Wirtschaftswachstum lähmen und damit die Potenz der Staaten, aus den daraus fließenden Einnahmen, ihre Schulden anständig mit Zins und Tilgung zu bedienen.
Die renommierten US-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart ermittelten in ihrer Studie „Growth in a Time of Debt“ das wachstumsfeindliche Staatsschuldenniveau bei 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahr 2007, also vor dem Ausbruch der Finanzkrise, betrug die Schuldenquote in der Euro-Zone 66 Prozent. Im zu Ende gehenden Jahr touchiert sie diesen Wert. In fünf Mitgliedsländern liegt sie bereits höher. Europa droht mithin ein Teufelskreis von höheren Schulden, geringem Wachstum, Einschnitten in den öffentlichen Haushalten.
Kein Wunder, dass die Investoren – Banken, Pensionsfonds und Versicherer - risikobewusster geworden sind, erst recht nach dem G 20-Gipfel von Cannes im Oktober, als die privaten Gläubiger sich von den versammelten Staats- und Regierungschefs zu einem Forderungsverzicht von 50 Prozent ihrer Griechenland-Anleihen genötigt sahen. So ist es ihnen nicht zu verdenken, dass sie sich das gestiegene Verlustrisiko in Form höherer Zinsen vergelten lassen, was wiederum die finanzielle Leistungsfähigkeit von immer Mitgliedern der Euro-Zone aufs Äußerste strapaziert.
Misstrauen grassiert in einem geradezu epidemischen Ausmaß. Mittlerweile sind auch die Kernländer betroffen. Frankreich, die Niederlande und Finnland mussten seit Jahrzehnten nicht mehr solch hohe Zinsaufschläge gemessen am deutschen Niveau zahlen. Auch Österreich: Trübe Konjunkturperspektiven, die potenziellen Lasten aus den Euro-Rettungspaketen und die wegen wackelnder osteuropäischer Märkte in Misskredit geratenen Banken belasten die Bonität der Alpenrepublik.
Viel Geld hilft viel – dieses Rezept empfehlen US-Präsident Barack Obama und sein Finanzminister Timothy Geithner unverdrossen den Europäern. Das mag für die Vereinigten Staaten von Amerika vorerst noch funktionieren. Die Notenbank Fed kann in Unmaßen Dollar drucken, weil das Staatsgebilde in der Vergangenheit Handlungsfähigkeit bewiesen hat und die Amerikaner zumindest militärisch noch die unangefochtene Supermacht und damit Schutzmacht für viele Länder sind. Das verschafft dem Greenback eine Robustheit und Unabhängigkeit von den Launen der Finanzmarktakteure, von dem die Europäer nur träumen können. Dabei ist der staatliche Verschuldungsgrad auf über 100 Prozent geklettert, übertrifft also das Niveau der Euro-Zone.
Dem vergleichsweise jungen Euro fehlen die entscheidenden Attribute staatlicher Macht. Daher hat Europas Gemeinschaftsgeld bisher nicht an der Position des Dollar als mit Abstand größte Weltreservewährung kratzen können. Auf den Greenback entfallen rund zwei Drittel der Reserven, auf den Euro dagegen nur ein Viertel. Dieser Anteil ist damit nicht größer als der, den die D-Mark in den Portfolios der Währungsbehörden hatte. Dabei spricht bei rein ökonomischer Sichtweise bisher alles für den Euro. Sein Wertversprechen, bestimmt durch die Preisstabilität, ist größer als das von D-Mark und Dollar. So sind die Preise hier auf dem Alten Kontinent seit Einführung des Euro jährlich im Durchschnitt um einen Prozentpunkt weniger gestiegen als jenseits des Atlantiks.
Mithin entscheiden nicht die von uns Wirtschaftswissenschaftlern geschätzten, harten Fakten über den weiteren Verlauf der Dinge. Nein, ganz andere Faktoren werden bestimmen, ob es Europa schafft. Ob das Gemeinsame über das Trennende obsiegt. Dafür braucht es Vertrauen, Vorbilder und Vernetzung
Vertrauen statt Verdächtigung
Die eintägigen Einlagen der Finanzinstitute bei der Europäischen Zentralbank (EZB) sind in den letzten Wochen wieder nach oben geschnellt. Mitte Dezember lagen sie bei über 320 Milliarden Euro – eine Größenordnung, die seit eineinhalb Jahren nicht mehr erreicht wurde. Die Geschäftsbanken untereinander leihen sich kaum mehr Geld, sie parken es lieber im (vermeintlich) sicheren Hafen der EZB. Kapital und Liquidität gehen vor Rendite. Die Banken erhalten bei der EZB weniger Zinsen als bei Ihresgleichen.
Solches Misstrauen gab es auch 2008. Aber der Argwohn heute reicht weit über die Finanzwelt hinaus. Letztlich trauen wir uns alle wechselseitig nicht mehr über den Weg. Die Wähler misstrauen ihren Abgeordneten, diese ihren Regierungen. Die nationalen Regierungen misstrauen Brüssel. Das Europäische Parlament misstraut der EU-Kommission. Und die europäischen Nachbarn beginnen Deutschland zu misstrauen. Frühwarnindikator sind hier die Karikaturisten, die Angela Merkel aktuell wahlweise mit Pickelhaube, Domina-Zuchtrute oder Hitler-Bart darstellen - der Wind ist rau geworden in Europa. Und jeder Tag, den die Krise andauert, sät weitere Zwietracht.
Wenn nun zudem, was wahrscheinlich ist, im neuen Jahr in Europa allerorten das Wachstum ausbleibt, wird sich die Missgunst auch an anderer Stelle weiter verschärfen. Beim Verhältnis zwischen denen da unten und denen da oben. Ein neuer OECD-Bericht zeigt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in den Jahren der Finanzkrise heftig gewachsen ist. Eine Stagnation der Wirtschaft wird die Arbeitsplatzunsicherheit erhöhen und die Chance der Mittelschichten auf Teilhabe am Wohlstand verringern. Wer auf dem linken Auge nicht völlig erblindet ist, muss erkennen, dass die Spaltung der Gesellschaft stramm voranschreitet.
Vertrauen zwischen den Klassen ist Mangelware, Verdächtigung hat Konjunktur. Der kleine Mann hält jeden Reichen tendenziell für einen Steuerhinterzieher. Die Eliten in Europa expektorieren sich über die Heerscharen staatlicher Hilfsempfänger, die sich mit Fast Food und Suff zwischen Sonnenbank und Glotze gemütlich einrichten. Die Arbeiter am Band und auf dem Bau regen sich auf über die fetten Gehälter der Bosse. Reiche und Arme überziehen einander mit Kollektivverdächtigungen. Politiker von rechts bis links machen sich zu den Sprachrohren und Verstärkern der wechselseitig gepflegten Vorurteile und spielen die sozialen Gruppen gegeneinander aus. Sie spalten, statt zu einen.
So sind wir in Kerneuropa im Moment drauf und dran, das Fundament zu unterminieren, auf das jede Demokratie wie Marktwirtschaft angewiesen ist: Vertrauen. Schon der deutsche Staatsrechtler und ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde diagnostizierte, dass der säkulare Staat von Voraussetzungen lebt, die er nicht schaffen kann. Vertrauen ist für eine Gesellschaft so wertvoll, konstatierte der Systemforscher Niklas Luhmann in deren Tradition, weil es „einen Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ darstellt: Vertrauen erlaubt einem, sich in einer unübersichtlichen Welt zu orientieren und auch bei Unwissenheit zu entscheiden.
Auch Wirtschaftswissenschaftler, die Vertreter der Glücksforschung und der neuen Institutionenökonomie, stellen die Bedeutung von Vertrauen für die koordinierten Marktwirtschaften Kontinentaleuropas heraus, wo viele Aktivitäten über langfristige Beziehungen und Netzwerke laufen. Verflüchtigt sich Vertrauen, dann nehmen Wirtschaft und Wohlstand Schaden. In der liberalen, angelsächsischen Welt dagegen, idealtypisch sind die USA, sind Markt, Wettbewerb und Preise bedeutsamer.
Um Europas Krise an der Wurzel zu bekämpfen, dürfen die Politiker daher die Bürgerpflichten und -rechte nicht länger aufs rein Pekuniäre verzwergen. Vielmehr wäre das Gebot der Stunde, jenseits von Angebot und Nachfrage Nutzen zu stiften und die Einsatzbereitschaft der Bürger für Europa zu fördern, etwa einen Freiwilligendienst in gemeinsamen Institutionen zu schaffen oder den Schüler- und Studentenaustausch zu intensivieren. Sonst werden sich die rückwärts gewandten, sich am alten Nationalstaat orientierenden Rechtspopulisten bei den Wahlen noch mehr Aufwind als bisher schon, was die in der Euro-Zone überfällige staatliche Integration blockieren würde. Oder die „Empörten“ wie in Spanien oder die „Occupy“-Bewegung radikalisieren sich und gewinnen enorm an Zulauf.
Da ist es ein Signal der Hoffnung, wenn ein Vertreter der europäischen Wirtschaftselite, der designierte Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen, „Exzesse“ auch „meines Hauses“ für die Vergangenheit ohne Umschweife einräumt und Lernbereitschaft offenbart: „Das Vertrauen ist weg – das müssen wir wiedergewinnen.“
Vorbilder statt Sexokraten
Die Geschichte lehrt uns, dass die Menschen, wenn es eng wird, nach Vorbildern suchen. Nach Lotsen bei rauer See und dichtem Nebel. Nicht selten haben sich die Völker bei der Auswahl ihrer Vorbilder und Führer ziemlich vertan, keine Frage. Auch aktuell ist die Gefahr virulent, dass ein terrible simplificateur auf die Lichtung tritt und spontan großen Zuspruch findet.
Die Österreicher wissen, um wen es geht. Diese stets lauernde Gefahr diskreditiert aber nicht die Idee, dass Vorbilder (Plural!) in Krisenzeiten wichtig sind. Jedenfalls ist es verheerend, wenn sich jene, die ex officio Vorbild sein müssten, also die Funktionseliten in Wirtschaft und Politik, reihenweise im wahrsten Wortsinne unmöglich machen. In Zeiten ungeheuren Wohllebens und eitel politischen Sonnenscheins, mag es den Menschen egal sein, ob ein Banker seinen ach so kargen Lohn durch einen Zustupf von einem zwergwüchsigen Formel I-Riesen aufbessern lässt, ein juvenil früh pensionierter Finanzminister ein Penthouse bewohnt, das noch größer ist als dessen Ego, ein G-8-Ministerpräsident sich offenkundig mehr für Bonding als für Bonds interessiert und ein IWF-Chef meint, die Omnipotenz seiner Organisation ständig höchstselbst in actu unter Beweis stellen zu müssen.
All das ist nicht nur widerlich, es ist brandgefährlich. Oder um es trotz der eingangs angekündigten Enthaltsamkeit in diese Richtung, ökonomisch auszudrücken: Jede persönliche Verfehlung der Eliten von Wirtschaft und Politik frisst aktuell kräftig am ohnehin nur noch knapp bemessenen Vertrauenskapital. Als Bürger muss ich mich fragen: Wenn diese Menschen das Gesicht des Systems sind, will ich dann dieses System noch? Kein Zufall also, dass die „Occupy“-Bewegung mit ihren Guy Fawkes-Masken justament die Fratze des Kapitalismus inszeniert.
Die Eliten in Amt und Würden haben abgewirtschaftet. Was könnte beschämender für sie sein als der Medien-Kult um den deutschen Ur-Altkanzler Helmut Schmidt? Da wird mangels Respektpersonen in Deutschland der 93jährige Greis, dessen politisches, keineswegs unumstrittenes Regiment vor schier undenklichen Zeiten zu Ende gegangen ist, auf die Podien und in die Talkshows geschoben, dessen Weltsichten und Alltagsweisheiten es dann andachtsvoll zu bewundern gilt.
Vernetzung
Die Börse Singapur arbeitet gerade mit Hochdruck daran, ihre Aufträge künftig in der Geschwindigkeit einer 49millionstel Sekunde in die Orderbücher zu bekommen. Zeit ist Geld. Und ein Vorsprung von millionstel Sekunden kann für Händler über Gewinn und Verlust entscheiden. Billionen von Euro und Dollar werden heute täglich, fast in Lichtgeschwindigkeit, um die Welt geschossen. Angestoßen immer weniger durch das aktive Handeln eines menschlichen Individuums, immer mehr voll automatisiert durch Softwaresysteme mit komplizierten Algorithmen und Stopp- und Loss-Funktionen. Algi-Trading bestimmt mehr und mehr die globalen Finanzumsätze. Deren Volumen beläuft sich inzwischen auf gigantische 1,6 Billiarden Dollar; die 63 Billionen des real erwirtschafteten Weltsozialprodukts nehmen sich daran gemessen verschwindend gering aus. Geld regiert die Welt – diese alte Behauptung ist heute Realität geworden.
Nicht zuletzt, weil die Medien mit den Finanzmärkten in punkto Geschwindigkeit Schritt halten wollen. Das Tempo bestimmt den Inhalt. Gewonnen hat, wer als erster meldet. Für sorgfältige Recherche bleibt da kaum Zeit. Medien und Märkte bilden eine unheilige Allianz, indem sie sich wechselseitig hochschaukeln. Market moving news bewegen die Märkte. Und die Märkte machen News.
Wehe, wenn da eine Fehlmeldung ins System wandert. Eklatante Fälle in der Vergangenheit haben gezeigt, wie gefährlich dies sein kann. Als etwa im vergangenen November wie ein Computerfehler bei der Ratingagentur Standard & Poor’s die Falschmeldung generierte, Frankreich verliere die höchste Bonitätsnote, sackten im Nu die Kurse französischer Staatsanleihen weg und verlor der Euro an Wert. Auch wenn die Ratingagentur bald den Fehler korrigierte und die Kurse sich auf das alte Niveau einpendelten, blieb die Anspannung erhöht.
Wie teilweise ohne menschliches Zutun die Finanzkrise eskaliert, zeigte auch der größte Kurssturz aller Zeiten an der New Yorker Wall Street im Mai 2010, im nervösen Umfeld der ersten großen Zuspitzung der Griechenland-Krise. Binnen fünf Minuten stand der Dow Jones bei einem Tagesverlust von 998 Punkten. In Minutenschnelle schalteten alle Nachrichtensender live an die Börse. Binnen 20 Minuten war der Spuk vorbei. Größere Transaktionen in einzelnen Aktienwerten hatten Computerprogramme ausgelöst und die dramatische Abwärtsspirale angestoßen.
Dem Hochgeschwindigkeitsrausch in Märkten und Medien steht in der Politik ein institutionelles Gefüge gegenüber, das immer noch den Geist der "Welt von Gestern" atmet, wie sie in ihrer Statik und Regungsaversion trefflich vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig beschrieben wurde. Die Märkte leben in der Zukunft, die Politik in der Vergangenheit.
Diese Ungleichzeitigkeit der Geschwindigkeiten hat maßgeblich die Eskalation der Euro-Krise im Jahr 2011 bewirkt. Die Märkte nehmen keine Rücksicht auf die langwierigen Entscheidungsprozeduren in der Politik, und die gestalten sich auf der europäischen Ebene noch um vieles undurchsichtiger und langsamer als auf der nationalen Ebene. Die von den Märkten erpressten Entscheidungen traf die Politik jeweils erst zu einem Zeitpunkt, als die Marktakteure schon die nächste Stufe gezündet hatten. So hatte man sich auf dem EU-Gipfel am 22. Juli endlich auf zweites Hilfspaket für Griechenland geeinigt und die Märkte kurz in Hochstimmung versetzt, da brandet eine Woche später schon die nächste Spekulationswelle an. Am 8. August musste die EZB schon wieder Staatsanleihen kaufen, erstmals auch von Italien. Das Spiel lief ähnlich nach einem Doppelgipfel am 23. und 27. Oktober, als Griechenlands Schulden um die Hälfte gekappt, Hellas zusätzliche Hilfen gewährt und die Schlagkraft des Rettungsschirms EFSF erhöht wurde.
Im Jahr 2011 ist aus der Finanzkrise eine Systemkrise geworden. Die wachsende Angst der Menschen vor deren Ausgang ist berechtigt. Denn eines ist inzwischen klar: einfache, kostengünstige Lösungen wird es nicht geben. Mag sein, dass das auf dem letzten EU-Gipfel im Dezember beschlossene, von Merkel und Sarkozy initiierte Maßnahmenbündel erneut ein wenig Zeit bringt und das Leben des Euro verlängert. Damit werden Merkel und Sarkozy aber nicht die Verschiebung der mächtigen Kontinentalplatten stoppen, die derzeit in Europa stattfindet. Ob es zu einem Erdbeben kommt, in welcher Stärke oder sich gar ein Schlund auftut und Teile Europas in den Orkus reißt oder im besten Fall die Politik die Gestaltungshoheit über die Märkte zurückgewinnt, kann niemand sagen.
Fakt ist, die Politik arbeitet auf globaler und EU-Ebene an einem beeindruckenden neuen Regelwerk für die Märkte. Die Vorschriften werden in den nächsten Jahren nach dem Fahrplan Zug um Zug in Kraft treten. Sie zielen auf eine Entschleunigung. Aber niemand weiß, ob die vielen neuen Regeln für Kapital- und Liquiditätsvorsorge bei der Umsetzung nicht weichgespült werden.
Was die Menschen 2011 zurückbekommen haben, ist das, was wir Ökonomen ihnen einige Jahrzehnte (scheinbar) genommen hatten: die Ungewissheit. Diese Ungewissheit fordert nun wiederum unerbittlich das ein, was in den letzten Jahrzehnten angesichts mannigfalter Regeln und Regulierungen, hinter denen man sich verschanzen konnte, in Vergessenheit geriet: Gewissen.
Oder sind wir Europäer einfach zu sehr verwöhnt und müssen erst wieder Gelassenheit lernen? So erzählt Deutsche Bank-Chef in spe, Jürgen Fitschen, im kleinen Kreis von einer Begegnung mit einem Russen in Moskau: „Was stellt Ihr Euch so? Ihr habt alle hundert Jahre eine Krise – aber zwischendurch ist Euer System lieferfähig.“