Politik als total offenes Betriebssystem

Da sitzen sie nun also im Berliner Abgeordnetenhaus und können es kaum fassen: die Piraten. Und von Woche zu Woche steigen auch auf Bundesebene deren Umfragewerte. Einen inhaltlichen Grund, für eine Partei zu votieren, über die man nicht mehr weiß, dass sie irgendwie gut mit den neuen Medien zurechtkommt, gibt es schlicht und einfach nicht. Zu erklären ist die wachsende Zustimmung für die E-Freaks indes schon.

Die Piraten sind nichts anderes als die finale Ausprägung eines seit Jahren in der Politik zunehmenden Trends, wonach der politische Repräsentant vor allem eines sein soll: einer wie wir. Der Politiker von heute soll sich nicht abheben und, horribile dictu, schon gar nicht elitär sein. Das Idealbild ist der Volksvertreter als Klon seines Wählers.

Da ist es nur konsequent, dass sich nun auch der gewiss nicht geringe Anteil an Internetfreaks unter den Bundesbürgern eine entsprechende Repräsentanz verschafft. Spießer haben ihre Spießer in den Parlamenten, Steueroptimierer ihre Steueroptimierer, öffentlich Bedienstete ihre öffentlich Bediensteten. Und nun haben halt die E-Freaks ihre E-Freaks ins Abgeordnetenhaus gewählt.

Das ist, mit Verlaub, eine fatale Entwicklung. Wir sind auf dem Weg von der repräsentativen Demokratie in die totale Demoskopie.

Gewiss, die Piratenpartei müht sich seit ihrem Programmparteitag im Herbst vergangenen Jahres, aus der Netzecke herauszukommen. Sie gibt sich seither in Programmen den Anstrich einer klassischen Vollpartei, vergrößert ihre inhaltliche Themenvielfalt.

Sie saugt wie ein Schwamm alles auf, was derzeit irgendwie en vogue ist. Der momentanen Polit-Stimmung in der Bevölkerung gemäß definieren und positionieren Piratensprecher bei öffentlichen Auftritten denn auch seit Neuestem ihre Gruppierung als „sozialliberale Partei, die für die Grundrechte eintritt“.

Die ideologische und thematische Nachrüstung bildet allerdings nur Firnis der Piraten, wie deren Vertreter in der Bundeskonferenz ebenfalls zu erkennen gaben: Weil die Bürger bei der Ausrichtung der Partei mitredeten, brauche die Partei auch nicht in allen Punkten ein klares Programm.

Den klassischen Parteien geht es primär um Ergebnisoptimierung. Für die neue Gruppierung dagegen stehen die sachlichen Inhalte erst an zweiter Stelle, denn sie will vielmehr den politischen Prozess optimieren. Markenkern bleibt mithin die Bereitstellung eines neuen politischen Betriebssystems: Die Wahlbürger können grundsätzlich permanent Einfluss auf die Abgesandten in den Parlamenten nehmen und deren Voten in Sachfragen bestimmen. Politik als total offenes Betriebssystem à la Linux.

Der Abgeordnete wird zum Lautsprecher eines ominösen, wankelmütigen Willens einiger weniger Bürger degradiert, die sich aus welchen Gründen auch immer in den politischen Prozess einbringen, womöglich durch obskure Organisationen angespitzt.
Auf welche gefährlichen Abwege die Politik durch eine Entmachtung, ja Ausradierung unserer Funktionselite in den Parlamenten zu geraten droht, zeigt sich ansatzweise bei den Piraten. Auffällig ist, dass sie sich inhaltlich mit populistischen Forderungen exponieren, deren Umsetzung viel Geld kostet, ohne ernsthaft eine Lösung für die Bezahlbarkeit zu anzubieten. Etwa Grundeinkommen oder kostenloser Nahverkehr. Kein Wunder, wenn die Parlamentskandidaten der Piraten Unwissenheit über die öffentlichen Schulden offenbaren wie ihr Spitzenmann im Abgeordnetenhaus, der selbst während des Wahlkampfes nicht wusste, dass Berlin nicht Millionen, sondern Milliarden Schulden hat.

Wir stehen am Scheideweg. Und die Frage steht im Raum, wie es mit unserer repräsentativen Demokratie weitergehen soll. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir gehen den Weg zu Ende und verabschieden uns ganz vom elitären Modell des Abgeordneten mit seinem sogenannten freien Mandat.

Oder die beiden (noch) starken Parteien SPD und CDU trauen sich endlich ihre Mehrheit zu nutzen, um in Deutschland ein Mehrheitswahlverfahren einzuführen.

Ein solches Wahlrecht stärkt den Zusammenhalt in unserer pluralistischen, sich immer weiter auffächernden Gesellschaft. Es stabilisiert sie, indem es Interessen aggregiert. Unser Proporzsystem dagegen spiegelt die Vielfalt der Interessen, ja treibt die Gesellschaft auseinander, weil es Minderheiten wie die Piraten ermuntert, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Das Verhältniswahlrecht belohnt recht rasch politisches Engagement durch Sitze im Parlament. Die Mehrheitsbildung wird so immer komplizierter. In einem kleinen Land mag eine Minderheitsregierung noch unschädlich sein, in den skandinavischen Ländern gibt es diese, ohne dass Wohlstand und Reputation gesunken sind. In Rom haben die Vielparteienbündnisse seit Jahrzehnten zu kurzlebigen Regierungen, extremer Verschuldung und Entscheidungsschwäche geführt.

Kommentare (2) -

Oktober 12. 2011 11:09

Sehr geehrter Herr Professor Klaus Schweinsberg,

im heutigen Handelsblatt beschäftigen Sie sich mit der Piratenpartei und der Zukunft unseres Landes. Grade als Nicht-Pirat möchte ich Ihnen antworten.

Sie schreiben: "Einen inhaltlichen Grund, für eine Partei zu votieren, über die man nicht mehr weiß, daß sie irgendwie gut mit den neuen Medien zurechtkommen, gibt es schlicht und einfach nicht."

Im folgenden unterstellen Sie den Piraten, sie träten für einen "kostenlosen" Nahverkehr ein und kritisieren die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Im Ergebnis plädieren Sie für die Einführung eines Mehrheitswahlrechts.
Ihre Hoffnung: So könnten Minderheiten aus dem Parlament gehalten werden, die nur ihr eigenes "Süppchen kochen" wollten.

Lieber Herr Professor Schweinsberg: Wenn Sie die 51 Seiten Wahlprogramm [1] der Berliner Piraten gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, daß die Partei wohl weiß, daß es keinen "kostenlosen" Nahverkehr geben kann; die Partei verlangt tatsächlich einen "fahrscheinlosen" ÖPNV und macht sich entsprechend Gedanken um die Finanzierung über kommunale Abgaben.

Ähnlich ist es beim bedingungslosen Grundeinkommen. Nun bin ich kein Volkswirt und kann die wissenschaftlichen Konzepte dazu nicht abschließend beurteilen. Zur Lektüre möchte ich Ihnen aber zweierlei
empfehlen:

1. Eine Studie der Europäischen Union hat Folgendes ergeben [2]: "Fast drei Viertel der EU-Bürger (71 Prozent) gaben an, dass sie eine häufigere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in Erwägung ziehen würden, wenn sie mit einem einzigen Fahrschein alle verfügbaren Verkehrsmittel nutzen könnten; auch bei den Autofahrern stieß dies auf starke Zustimmung (66 Prozent)." Warum also sollte es nicht möglich sein, jedem Bürger fahrscheinloses Bahnfahren zu ermöglichen? Wieviel Aufwand könnte für das Ausstellen von Fahrscheinen und die Verfolgung von "Schwarzfahrern" gespart werden, wenn der öffentliche Personenverkehr über Steuern finanziert würde?

und 2. "Bedingungsloses Grundeinkommen und Solidarisches Bürgergeld - mehr als sozialutopische Konzepte" - von Ingrid Hohenleitner und Prof. Dr. Thomas Straubhaar, dem Präsidenten des Hamburger Weltwirtschafts- instituts an der Universität Hamburg.

In jedem Fall hätte ich mich gefreut, wenn Sie als Wirtschaftsprofessor sich sachlich (und durchaus auch kritisch!) mit den Piraten und ihren Konzepten auseinandergesetzt hätten.

Stattdessen diffamieren Sie engagierte Bürger, die versuchen, Politik anders zu gestalten, als wir es bisher gewohnt sind. Mit den gleichen Argumenten hätten Sie vor 30 Jahren die Grünen aus den Parlamenten halten können. Dann hätten wir vermutlich heute noch das "System Kohl".
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das tatsächlich erstrebenswert gewesen wäre.

Lieber Herr Professor Schweinsberg: Leider erreichen Sie mit dem Niveau Ihres Beitrags nicht einmal die Platte eines Bayerischen Stammtischs.
Wenn Sie geschwiegen hätten, wären Sie ein Philosoph geblieben!

Mit freundlichem Gruß
Joachim Jakobs

[1]
berlin.piratenpartei.de/.../...ogramm-v1screen.pdf
[2] www.grv-ev.de/home/pdf/GRVN091B.pdf
[3] www.hwwi.org/.../Grundeinkommen-Studie.pdf

Joachim Jakobs

Oktober 12. 2011 11:20

Sehr geehrter Herr Jakobs,

fahrscheinlos - kostenlos: Das ist Wortklauberei. Der Nutzer zahlt nichts. Die Kosten des ÖPNV tragen alle Bürger (Berliner).  Das bedeutet Umverteilung. Praktische Fragen: Wie beteiligen sich Berufspendler aus dem Umland an den Kosten und Touristen? Im Übrigen gilt: Was nichts kostet, ist nichts. Diese Diskussionen sind in den 1960ern und 1970ern breit geführt worden. Mobilität ist kein Grundrecht, sondern muss einen angemessenen Preis haben, um Fehlanreize zu vermeiden. Und im übrigen: Sie sollten den Protagonisten der Piraten raten ihr Parteiprogramm zu lesen, denn die sprechen auch ständig von kostenlosem ÖPNV.

Bedingungsloses Grundeinkommen gehört meiner Meinung nach trotz Straubhaar, Werner & Co zu den Sozialutopien, nicht primär wegen der Kosten, die sich durch die Abschaffung anderer Sozialleistungen zumindest nach der Papierform finanzieren lassen. Aber ich glaube nicht an das Menschenbild liberaler oder marxistischer Denker: Es mag viele Menschen geben, die tun ihr Bestes aus Freude an der Arbeit. Aber es gibt ebenfalls eine große Zahl, die der extrinsischen Motivation bedürfen.

Schließlich: Das tacuisses Zitat zielt ins Leere. Ich bin weder von der Ausbildung noch von der Gesinnung Philosoph, sondern meine "dismal science" ist die Ökonomie.

Klaus Schweinsberg

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